Gleis 9 3/4

Nach 4 Stunden Schlaf klingelt der Wecker. Neuer Tag, neues Glück. Mein Shuttle bringt mich um 6 Uhr zum Flughafen, Frühstück bekomme ich daher keins. Jeder, der mich kennt weiß, ganz schlechter Start.

Am Flughafen angekommen denke ich, erst die Pflicht, dann die Kür. Koffer aufgeben, Sicherheitskontrolle… Stop. Ich hab mein Wasser nicht ausgekippt, Mist. Ich frage den Herrn vom Flughafen, wo ich das auskippen kann. Er sagt „Nur auf der Toilette.“ Das bedeutet raus aus der Schlange, zur nächsten Toilette, auskippen. Ich opfere ja nicht meine Trinkflasche für 10 Minuten Anstehzeit. Zurück in der Schlange sehe ich hinter der Ecke Behälter zum Auskippen von Flüssigkeiten. Ich suche den Mann, der mich zur Toilette geschickt hat und werfe ihm Todesblicke zu.

Die Schlangen zur Sicherheitskontrolle sind endlos lang, aber irgendwann ist auch das geschafft. Passkontrolle, dann noch eine Passkontrolle. Komisch, denke ich. Seit wann denn zwei? Während mir mein Bauch signalisiert, dass gerade etwas falsch läuft, schließt sich hinter mir eine Glastür. Ich drehe mich um, klebt ein Durchgang verboten-Schild drauf und sie öffnet sich natürlich nicht. Dann wird mir plötzlich klar, wo ich stehe und mir gefriert das Blut in den Adern: Wieder am Anfang. Wie zur Hölle kann das sein? Wie kann man nach Passieren der Sicherheitskontrolle wieder in den Normalbereich gelangen? Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der das Gleis 9 3/4 im Frankfurter Flughafen entdeckt hat.

Ich habe 180 Puls, wenn ich alles nochmal durchlaufen muss, schaffe ich den Flieger nicht. Erster Officer, ich fast hysterisch: „Entschuldigen Sie, ich war schon drin und bin irgendwie wieder rausgekommen. Können Sie mich bitte, bitte wieder reinlassen?“ Kopf schütteln und ein „Natürlich nicht.“ ist die Antwort. Ich versuche es noch zwei Mal, das Ergebnis bleibt das selbe. Bis hierher habe ich 2 Stunden gebraucht, mir bleibt nur noch eine bis zum Abflug. Mich kann jetzt nur noch eins retten: Die Hilfe meiner Mitmenschen. Ich laufe an der Riesenschlange vor der Sicherheitskontrolle an allen vorbei und erkläre dem Mann, der ganz vorne steht mein Problem. Er lässt mich vor. Ich atme zum ersten Mal wieder, das hat mir schon mal eine Stunde Zeit geschenkt. Nun kommen aber die Bänder und damit ein Rennen gegen die Zeit. Ein Flughafenmitarbeiter schiebt mich in eine andere Schlange, dann stehe ich tatsächlich 10 Minuten vor Boarding am Gate B2.

Ich kann mir immerhin noch ein Brötchen kaufen, was mich vermutlich davor bewahrt, stumpf umzukippen. Ich bin nach 4 Stunden Schlaf 4 Stunden wach und nüchtern unter Dauerstrom.

Während der Bus uns zum Flieger fährt denke ich, ich war beim zweiten Mal in gar keiner Passkontrolle. Ich habe das zweite Gleis 9 3/4 gefunden, unfassbar.

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