Es ist Mittagszeit, ich hab Hunger und bin auf der Suche nach einem schönen Plätzchen mit Seeblick.
Da huscht ein Frischling vor mir über den Weg. Ich denke, „Ach, was! Mein erstes in freier Wildbahn!“ und schon kommt das zweite und dritte hinterher. Ich schnell Handy raus, das vierte hätte ich dann gehabt, aber es kam keins mehr.
Dann formt sich in meinem Hirn sehr schnell die Frage „Geht die Mutter eigentlich als erste oder als letzte?“ Ich weiß es nicht.
Als ich auf Höhe der Überquerung stehe, gucke ich links: Nichts. Dann rechts: Da steht das Riesenvieh. Ca. 2 Meter über mir und faucht, dass ich wirklich Angst kriege. Man bringt uns ja als Kindern schon bei, dass die Bache aggressiv werden kann, wenn der Nachwuchs noch klein ist. Aber was man dann macht, das hat man uns nicht gesagt.

Ich denke auch gar nicht mehr, sondern fange an, zu rennen in der Hoffnung, dass sie die Böschung nicht runterspringt. Und anstatt froh zu sein, dass ich wegrenne, nimmt sie die Verfolgung auf. Ich weiß nicht, wie schnell so ein dickes Schwein laufen kann. Im Rennen ziehe ich meinen Rucksack nach vorne, um an zumindest einen meiner Wanderstöcke zu kommen. Es gelingt mir nicht.
Mir geht die Luft aus und in dem Moment merke ich, das Rascheln und Schnauben hat aufgehört. Das Beschützen ihrer Nachkommen ist ihr zum Glück wichtiger als mich weiter durch den Wald zu jagen. Ich gehe im Stechschritt weiter, ich hab 200 Puls plus Schnappatmung.
Als ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe, stelle ich meinen Hocker mitten in die Sonne an eine kahle Stelle, weil ich glaube, dass die Bache lieber im Schatten ist. Wie ein Uhu drehe ich meinen Kopf beim Verzehr meines Käsebrotes um 360 Grad und lausche angestrengt auf jedes Geräusch, um im Fall der Fälle sofort aufzuspringen und weiterzulaufen.
Ich frage ChatGPT, was ich machen soll. Erste Antwort: „Nicht wegrennen“. Da muss ich trotz meiner Anspannung lachen. „Ruhig bleiben“, das soll der schlaue Automat mal vormachen. „Hinter einen Baum stellen“, im Ernst? Das würde ich niemals machen.
Ich weiß, dass Schweine sehr gut riechen können und deswegen schlinge ich mein Brot in Rekordgeschwindigkeit runter und gehe zügig weiter. Meine kürzeste Pause ever bei mit 28 Kilometern nicht dem kürzesten Marsch. Vor allem aber mein erstes Wildschwein in freier Wildbahn.
Und was habe ich gelernt? Ich glaube, ich würde wieder wegrennen. Auch wenn ich inzwischen weiß, dass sie schneller laufen können als ich. Aber ruhig bleiben und mich hinter einen Baum stellen, das lag noch nie in meiner Natur.
